Erschließung des Hausarchivs der Internationalen Jugendbibliothek mit dem Teilnachlass von Jella Lepman


Abgeschlossenes Projekt

Von 2019 bis 2020 wurde das intensiv genutzte Hausarchiv der Internationalen Jugendbibliothek mit dem professionellen Nachlass der Bibliotheks-Gründerin Jella Lepman (1891-1970) in Kalliope erschlossen. Das Erschließungsprojekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert.

Jella Lepman, Journalistin und Autorin von Kinderbüchern, gründete 1949 die Internationale Jugendbibliothek in München im Rahmen des Reeducation-Programms der amerikanischen Besatzungszone und auf Basis der 8.000 Bücher, die sie für die erste internationale Ausstellung in Deutschland nach 1945 unter dem Titel „Das Jugendbuch“ zusammengetragen hatte.

Mit diesem richtungsweisenden Modellprojekt trug Jella Lepman entscheidend zur Prägung und Neuausrichtung der modernen internationalen Kinder- und Jugendliteratur bei, indem sie für eine Internationalisierung der Kinder- und Jugendliteratur eintrat und Verlage, Autoren und Literaturvermittler miteinander ins Gespräch brachte. Auf Initiative Jella Lepmans wurde 1952 das „Internationales Kuratorium für das Jugendbuch“ / „International Board of Books for Young People“ gegründet, dem bis heute mehr als 75 Ländersektionen angehören. Weiterhin rief Lepman die Zeitschrift „Bookbird“ ins Leben.

Jella Lepman war auch selbst Kinderbuchautorin – in dem literarischen Teil ihres Nachlasses finden sich handschriftliche Manuskripte zahlreicher Gutenachtgeschichten, die sie in den beiden Anthologien „Der verhaftete Papagei“ und „Vogellinchen“ veröffentlichte.

Das historische Archiv der Internationalen Jugendbibliothek umfasst insgesamt etwa 80 Archivkästen mit Dokumenten, Akten, Briefen, Fotos, Presseausschnitten, Arbeitsberichten, Protokollen, Aktennotizen und Statistiken sowie weiteren Materialien zu den Anfängen dieser weltweit ersten internationalen Jugendbibliothek.

Der Schwerpunkt der Entstehungszeit der Archivalien liegt in der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre und den 1950er-Jahren. Die frühesten erhaltenen Materialien des Archivs stammen von der Internationalen Ausstellung „Das Jugendbuch“ (1946/47): Zahlreiche Fotos und Presseausschnitte vermitteln ein eindrückliches Bild von Gestaltung, Ablauf und Rezeption dieser Ausstellung. Reichhaltiges Material bietet das Archiv zu der Eröffnung der Internationalen Jugendbibliothek im September 1949.

Eine besondere Rarität ist ein im Dezember 1946 erschienener und nach kurzer Zeit vergriffener Sonderdruck des pazifistischen Bilderbuchs „Ferdinand der Stier“ (im Original „The story of Ferdinand“, verfasst von Munroe Leaf und illustriert von Robert Lawson), das Jella Lepman persönlich aus dem Amerikanischen übersetzte und auf kostengünstigem Zeitungspapier für die Kinder von Berlin drucken ließ.

Das Archiv enthält Briefe an Jella Lepman von Enid Blyton, Hildegard Brücher, Theodor Brüggemann, Heinrich Maria Denneborg, Cäcilie Dressler, Josef Guggenmos, Theodor Heuss, Elly Heuss-Knapp, Erhart Kästner, Erich Kästner, Kurt Held, Bettina Hürlimann, James Krüss, Käthe Kruse, Max Kruse, Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt, Astrid Lindgren, Erika Mann, Anne Pellowski, Heinrich Pleticha, Otfried Preussler, Luise Rinser, Fred Rodrian, Lisa Tetzner, Franz Josef Tripp, Heinz Wegehaupt, Kurt Wolff, Carl Zuckmayer sowie Briefwechsel mit Verlagen, eine Rede von José Ortega y Gasset, um nur eine Auswahl zu nennen.

In dem Hausarchiv spiegelt sich die historisch einmalige Gründungs- und Wirkungsgeschichte der Internationalen Jugendbibliothek von 1946 bis in die 1970er-Jahre wider. Darüber hinaus ist es ein einzigartiges Dokument der deutschen Nachkriegsgeschichte, der Reeducation und der nationalen und internationalen Kultur- und Bildungspolitik.

Die Archivmaterialien sind nach vorheriger Anmeldung und Bestellung im Lesesaal der Spezialbibliothek zugänglich.

 


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